FILMTALK 60plus: Acht Geschwister


Im FILMTALK 60plus diskutieren wir den Dokumentarfilm â€žAcht Geschwister“ von Christoph Weinert – ein Film ĂŒber zwei Schwestern und sechs BrĂŒder, die zwischen 1933 und 1943 in Hinterpommern geboren wurden und heute, im hohen Alter, auf ihr gemeinsames Leben zurĂŒckblicken. Der Film begleitet sie bei der Reise in ihr ehemaliges Heimatdorf und verknĂŒpft ihre Erinnerungen an Kindheit, Krieg, Flucht und Neuanfang mit der erstaunlich engen Bindung, die sie trotz aller politischen und biografischen BrĂŒche bewahrt haben. Zentrale Meinung der FILMTALK-Runde war: Der Film ist ein berĂŒhrendes, zeitgeschichtlich starkes und diskussionsreiches PortrĂ€t von Geschwisterverbundenheit.


Geschwisterliebe, die viele berĂŒhrt hat

Besonders beeindruckt zeigte sich die Runde vom spĂŒrbaren Zusammenhalt der acht Geschwister. Immer wieder wurde hervorgehoben, wie ungewöhnlich es sei, dass eine so große Familie ĂŒber Jahrzehnte hinweg verbunden bleibt – trotz Flucht, Ost-West-Teilung und sehr unterschiedlicher Lebenswege. Eine Teilnehmerin sagte: â€žDass diese acht Geschwister so eng zusammenhalten, das fand ich total faszinierend.“ Auch die Tatsache, dass sie sich immer wieder trafen und gemeinsame Reisen organisierten, wurde als etwas Besonderes wahrgenommen.

Mehrere Teilnehmende beschrieben, wie stark der Film eigene Erinnerungen ausgelöst habe. FĂŒr manche lagen die Parallelen in der eigenen Familiengeschichte, fĂŒr andere in Erfahrungen mit Flucht, verlorener Heimat oder dem Schweigen der Eltern- und Großelterngeneration. Gerade dadurch wirkte der Film fĂŒr viele nicht nur dokumentarisch, sondern sehr persönlich.


Das FILMTALK-GesprĂ€ch – zwischen NĂ€he, Erinnerung und VerklĂ€rung

Schon zu Beginn wurde deutlich, dass der Film nicht nur Zustimmung auslöste. WĂ€hrend viele die WĂ€rme, NĂ€he und Geschwisterliebe als bewegend empfanden, kritisierten andere, dass Konflikte und BrĂŒche zu sehr ausgeblendet wĂŒrden.

Damit stand eine zentrale Frage im Raum: Was zeigt Erinnerung im Alter – und was lĂ€sst sie weg? Christa Jordan brachte diesen Gedanken sinngemĂ€ĂŸ in die Diskussion ein, als sie sagte, dass sich Erinnerung vielleicht verklĂ€re und im Alter eher die positiven Seiten zurĂŒckgeholt wĂŒrden (PositivitĂ€teffekt). Auch ein Teilnehmer formulierte passend: â€žUnser Körper schiebt die schlechten Erinnerungen ein bisschen beiseite.“ Genau diese Spannung zwischen gelebter Geschichte und erinnerter Harmonie machte den Film fĂŒr viele interessant.


Schweigen, Krieg und transgenerationale Erfahrungen

Ein starkes Thema der Runde war das Schweigen ĂŒber Krieg und Flucht. Mehrere Teilnehmende erzĂ€hlten, dass in ihren eigenen Familien ĂŒber die Vergangenheit kaum gesprochen worden sei. Gerade dadurch löste der Film viele persönliche Assoziationen aus. Besonders eindrĂŒcklich war der Beitrag einer Teilnehmerin, die sagte: â€žDieses Schweigen ist ganz furchtbar fĂŒr alle Generationen.“

Im GesprĂ€ch ging es dabei nicht nur um historische Ereignisse, sondern auch um deren Nachwirkungen in Familien: um emotionale Sprachlosigkeit, um weitergegebene Ängste und um das, was heute oft als transgenerationale Belastung beschrieben wird. Andere hoben hervor, wie wertvoll es sei, wenn Eltern oder Großeltern ihre Geschichte aufschreiben oder erzĂ€hlen. Der Film wurde dadurch auch als Anlass erlebt, ĂŒber die eigene Familiengeschichte neu nachzudenken.

Heimat als Sehnsuchtsort

Ein weiterer wichtiger GesprĂ€chspunkt war das Motiv von Heimat. Die RĂŒckkehr der Geschwister in ihr ehemaliges Heimatdorf wurde von vielen als besonders berĂŒhrend erlebt. Ein Teilnehmer beschrieb, wie Menschen mit â€žweinerlichen Augen vor irgendwelchen Steinen“ stehen, die Außenstehenden vielleicht nichts bedeuten, fĂŒr sie selbst aber hoch aufgeladen sind. Gerade die Unwiederbringlichkeit dieser Orte – und das Wissen, dass Heimat verloren wurde – schien fĂŒr viele die emotionale Kraft des Films auszumachen.

Dabei wurde auch eine BrĂŒcke zur Gegenwart geschlagen. Mehrere Teilnehmende verwiesen darauf, dass Flucht und Heimatverlust keine abgeschlossenen Themen der Vergangenheit sind, sondern bis heute biografisch und gesellschaftlich nachwirken.

Ein Film, der Familiengeschichte zum GesprĂ€ch macht und sehr berĂŒhrt

Die AtmosphĂ€re im FILMTALK war sehr warm. Viele BeitrĂ€ge waren sehr persönlich, immer wieder wurden BezĂŒge zur eigenen Familie hergestellt. Das GesprĂ€ch bewegte sich deshalb schnell weg von der reinen Filmbesprechung hin zu Fragen, die der Film auslöst: Was hĂ€lt Geschwister zusammen? Was wird innerhalb von Familien erzĂ€hlt und was verschwiegen? Wie prĂ€gen Krieg, Flucht und Verlust noch die Generationen danach?

Auch filmisch wurde gesprochen. Einige lobten die ruhige, wenig auf Dramaturgie setzende Form des Dokumentarfilms. Ein Teilnehmer sagte ĂŒberrascht, dass ein Film, der so wenig auf Spannung aus sei, trotzdem â€žso berĂŒhrend sein kann“.

In der FILMTALK-Runde blieb vor allem hĂ€ngen, dass â€žAcht Geschwister“ weit ĂŒber das PortrĂ€t einer einzelnen Familie hinausweist. Der Film erzĂ€hlt von Liebe, von Krieg und Flucht, von Ost und West, von Erinnerung und Alter. Gerade darin lag fĂŒr viele seine StĂ€rke. Nicht weil er alle WidersprĂŒche auflöst, sondern weil er GesprĂ€che öffnet – ĂŒber die eigene Familie, ĂŒber Heimat, ĂŒber Verluste und ĂŒber das, was von frĂŒher bis heute nachwirkt. Am Ende ĂŒberwog in der Abstimmung die Bewertung mit 4 von 5 Kameras.

⭐⭐⭐⭐☆ (4 von 5 Kameras)


Deutschland 2022, Dokumentation, 90 Min.

Regie: Christoph Weinert

Mit: Arno, Ewald, Johannes, Anita, Heinz, Waldemar, Edith und Werner Flemming


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Ein herzlicher Dank gilt allen GesprÀchsgÀsten des FILMTALK 60plus, deren persönliche Erfahrungen, kritische EinschÀtzungen und Offenheit den Austausch an diesem Nachmittag geprÀgt und vertieft haben.


🎬 Moderation: Christa Jordan 

đŸŽ™ïž Organisation: Sabine L. Distler (Curatorium Altern gestalten) & GĂ€ste


đŸ“œïž Mehr zu zukĂŒnftigen Filmtalks auf:
👉 www.filmbeirat60plus.online


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