Zwei Frauen, ein Jaguar und eine Reise, von der eigentlich nur eine zurückkehren soll. Was nach einer ungewöhnlichen Roadmovie-Komödie klingt, ist zugleich eine Geschichte über das Sterben und darüber, wie überraschend lebendig das Leben bis zuletzt sein kann. Die Ausgangslage könnte gegensätzlicher kaum sein. Toni, lebenslustig, unkonventionell und mit einem bemerkenswerten Talent fürs Improvisieren, landet nach einem Sturz vorübergehend in einer Seniorenresidenz. Dort begegnet sie Helene, einer einst gefeierten Schauspielerin, die sich hinter einer Fassade aus Disziplin, Stolz und Perfektionismus zurückgezogen hat. Schwer erkrankt, hat Helene beschlossen, ihrem Leben in der Schweiz selbstbestimmt ein Ende zu setzen. Toni soll sie dorthin bringen. Dass die beiden in einem Jaguar aufbrechen, obwohl Toni keinen Führerschein besitzt, ist dabei nur der Anfang einer Reise, auf der zunehmend weniger nach Plan verläuft.
Wenn das Leben dazwischenfunkt
Nach der Sommerpause meldete sich der FILMTALK 60plus am 16. Oktober mit der österreichischen Tragikomödie „Toni und Helene“ aus dem Jahr 2024 zurück. Schon zu Beginn des FILMTALKs stellte Moderatorin Christa die Frage in den Raum, ob man über Alter, Krankheit und Sterben überhaupt lachen dürfe. Ihre Beschreibung des Films als „fröhlichen Film zu einem ernsten Thema“ traf einen Nerv.
Denn der Humor ist hier weit mehr als ein Mittel zur Unterhaltung. Er schafft Abstand zu einer Situation, die andernfalls kaum auszuhalten wäre. Während Helene ihre letzte Reise möglichst würdevoll und kontrolliert gestalten möchte, scheint Toni fest entschlossen, sich von keiner noch so aussichtslosen Lage die Freude am Augenblick nehmen zu lassen.
Gerade dieses Aufeinandertreffen sorgte in der FILMTALK-Runde für Begeisterung. Eine Teilnehmerin sah darin zwei grundverschiedene Lebensentwürfe: hier die Frau, die alles richtig machen möchte, dort jene, die lieber einfach lebt. Doch je länger die beiden unterwegs sind, desto deutlicher wird, dass keine von ihnen der anderen grundsätzlich überlegen ist.
Auch kritische Stimmen kamen zu Wort. Manche empfand gewisse Situationen, insbesondere das Geschehen an der Tankstelle, als etwas überzeichnet. Die Entwicklung der beiden Frauen überzeugte sie dennoch. Denn hinter dem komödiantischen Überschwang verbirgt sich eine durchaus ernsthafte Beobachtung: Manchmal braucht es einen Menschen, der alles anders macht, damit die eigenen Gewohnheiten überhaupt sichtbar werden.
Zwei unvollkommene Menschen und plötzlich ein gutes Team
Wie entsteht Freundschaft zwischen zwei Menschen, die zunächst kaum etwas miteinander anfangen können? Diese Frage beschäftigte die Runde besonders. Ein treffendes Bild einer Teilnehmerin: Toni und Helene seien zwei „Defizitmodelle“, die zusammen beinahe ein Ganzes ergeben. Tatsächlich bringt jede etwas mit, das der anderen fehlt. Toni besitzt die Unbekümmertheit, die Helene verloren hat. Helene wiederum eröffnet Toni Möglichkeiten, die ihr bisher verschlossen geblieben sind. Die eine kann sich Freiheiten nehmen, die andere muss erst lernen, sie zuzulassen.
Doch ihre Beziehung bleibt nicht bei diesem einfachen Gegensatz stehen. Mit jeder gemeinsam überstandenen Schwierigkeit verschieben sich die Rollen. Helene, zunächst kühl und unnahbar, entdeckt ihre Fähigkeit zu Mitgefühl und Zuwendung. Toni wiederum zeigt, dass hinter ihrer Leichtigkeit auch Verletzlichkeit und unerfüllte Wünsche stehen.
Die Runde erinnerte sich besonders an einen Moment, in dem Toni von einer zweiten Chance im Leben spricht. Darin verdichtet sich die Ungleichheit der beiden Biografien: Helene hatte durch ihren gesellschaftlichen Status und ihre finanziellen Möglichkeiten viele Chancen, die sie nicht immer genutzt hat. Toni hätte sich manche davon vielleicht erst gewünscht. Dass die beiden Frauen am Ende einander so nahestehen, erschien zu Beginn des Films kaum vorstellbar. Und noch eine Kleinigkeit fiel Christa auf: Erst ganz zum Schluss wird aus dem förmlichen „Sie“ ein vertrautes „Du“. Eine unscheinbare Veränderung, die viel erzählt. Freundschaft entsteht nicht auf Knopfdruck. Manchmal braucht sie eine ganze Reise.
Wer bestimmt eigentlich, wann jemand zu alt ist?
Nicht nur Toni und Helene gerieten im FILMTALK unter die Lupe. Auch die jüngeren Figuren wurden kritisch betrachtet und mit ihnen die Frage, wie unsere Gesellschaft älteren Menschen begegnet. Helenes Neffe ist dafür ein besonders unangenehmes Beispiel. Anstatt die Wünsche seiner Tante ernst zu nehmen, versucht er, Kontrolle über ihr Leben zu gewinnen. Seine Haltung steht stellvertretend für einen Umgang mit dem Alter, bei dem Fürsorge schnell in Bevormundung umschlagen kann.
Doch der Film belässt es nicht bei solchen Erfahrungen von Altersdiskriminierung. Er zeigt auch, wie anders Begegnungen verlaufen können. Als die Schriftstellerin Stefanie Sargnagel Helene als große Schauspielerin würdigt, wird diese plötzlich wieder als die Frau gesehen, die sie einmal war und in gewisser Weise noch immer ist. Nicht ihre Krankheit, nicht ihr Alter und nicht ihre vermeintlichen Einschränkungen stehen im Mittelpunkt, sondern ihr Können und ihre Lebensgeschichte.
Ein Teilnehmer betonte im Gespräch, wie wichtig es sei, andere Menschen hochzuheben, statt sie kleinzumachen. Eine Haltung, die gerade im Umgang zwischen den Generationen viel verändern könne. Vielleicht liegt darin eine der schönsten Aussagen des Films: Menschen verlieren mit zunehmendem Alter nicht das Recht, überrascht zu werden, Fehler zu machen, Entscheidungen zu treffen oder noch einmal etwas völlig Neues zu beginnen.
Pflege, Alter und die Angst, zur Last zu fallen
Im letzten Teil des Gesprächs verschob sich der Fokus deutlich auf das eigene Älterwerden. Mehrere Teilnehmende fragten nicht mehr nur, wie realistisch der Film sei, sondern was er für das eigene Leben bedeutet. Eine Frau sagte sehr klar: „So möchte ich nicht alt werden.“ Andere nahmen aus dem Film mit, dass man rechtzeitig vorsorgen müsse (sozial, organisatorisch und emotional).
Eine Teilnehmerin sagte, sie nehme aus dem Film mit, das erwachsene Kind stärker loszulassen. Andere betonten, wie wichtig alternative Wohn- und Lebensformen im Alter sind, bevor Krisen eintreten. Der Film wurde damit auch zu einem Anstoß, über Abnabelung, Wahlfamilien und neue Formen von Gemeinschaft nachzudenken.
Ein Happy End oder doch ein bisschen zu schön?
So begeistert die Runde von den beiden Hauptfiguren war, so unterschiedlich wurde der Schluss aufgenommen. Für einige geriet das Ende etwas zu märchenhaft. Auch die Verabschiedung hätte mehr emotionale Tiefe vertragen können. Gleichzeitig entdeckten sie darin einen interessanten Gedanken: Vielleicht möchte der Film zeigen, dass ein Mensch, der wieder Wertschätzung, Verbundenheit und Freude erfährt, seinen Entschluss zum assistierten Suizid noch einmal überdenken kann.
Damit berührt „Toni und Helene“ eine besonders sensible Frage. Wie frei sind Entscheidungen über das eigene Lebensende? Welche Rolle spielen Einsamkeit, Krankheit und das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden? Und was kann sich verändern, wenn plötzlich wieder jemand da ist, der einem auf Augenhöhe begegnet?
Eine eindeutige Antwort liefert der Film nicht. Gerade das ließ im FILMTALK Raum für unterschiedliche Sichtweisen.
Manche berichteten, dass sie die Geschichte dazu angeregt habe, ihre eigene Haltung zur Sterbehilfe neu zu überdenken. Andere beschäftigte vor allem, wie viel Lebensqualität durch Beziehungen und gegenseitige Wertschätzung entstehen kann.
Ob das Ende nun zu versöhnlich oder genau richtig ist, blieb offen. Einig war sich die Runde jedoch darin, dass der Film ein schwieriges Thema auf ungewöhnlich zugängliche Weise behandelt. Zum Abschluss des FILMTALKs ging es nicht mehr nur um Toni und Helene. Es ging um das eigene Leben.
„Toni und Helene“ erzählt vom Sterben und macht dabei vor allem Lust aufs Leben. Nicht, weil er die Schwierigkeiten des Alters verschweigt. Sondern weil er seinen beiden Hauptfiguren etwas zugesteht, das älteren Menschen allzu oft abgesprochen wird: die Freiheit, sich selbst und andere noch einmal neu kennenzulernen.
Dass diese Botschaft ankam, zeigte sich auch in der abschließenden Abstimmung. Die Teilnehmenden vergaben 4 beziehungsweise 5 von 5 möglichen Kameras. Ein bemerkenswert positives Ergebnis für einen Film.
⭐⭐⭐⭐☆ bis ⭐⭐⭐⭐⭐ (4 von 5 bis 5 von 5 Kameras)
Österreich 2024, Tragikomödie/Roadmovie, 95 Min.
Regie: Sabine Hiebler und Gerhard Ertl
Mit: Christine Ostermayer, Margarethe Tiesel, Manuel Rubey, Julia Koschitz, Thomas Mraz, Stefanie Sargnagel u. a.
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Ein herzlicher Dank gilt allen Gesprächsgästen des FILMTALK 60plus, deren persönliche Erfahrungen, kritische Einschätzungen und Offenheit den Austausch an diesem Nachmittag geprägt und vertieft haben.
🎬 Moderation: Christa Jordan
🎙️ Organisation: Sabine L. Distler (Curatorium Altern gestalten) & Gäste
📽️ Mehr zu zukünftigen Filmtalks auf:
👉 www.filmbeirat60plus.online
Warum der FILMTALK 60plus sehenswert ist?
Der FILMTALK 60plus bietet eine einzigartige Gelegenheit, Filme aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und tiefer in die Materie einzutauchen. Die FILM Beiräte60plus liefern durch ihre unterschiedlichen Hintergründe und ihre gemeinsame Leidenschaft für Film eine bereichernde Diskussion, die sowohl informativ als auch unterhaltsam ist. Für alle Filmliebhaber und diejenigen, die tiefer in die Welt des Kinos eintauchen möchten, ist der FILMTALK sehenswert. Er bietet nicht nur eine Analyse eines bedeutenden Films, sondern auch eine Plattform für den Austausch von Gedanken und Ideen, die über den Film hinausgehen.Schalten Sie ein und lassen Sie sich von von uns auf eine filmische Reise mitnehmen, die Ihnen neue Einsichten und ein tieferes Verständnis für die Kunst des Films bietet.





