FILMTALK 60plus: Ausgsting.


Im FILMTALK 60plus diskutieren wir den Film „Ausgsting.“ von Julian Wittmann – ein Porträt über Wolfgang „Gangerl“ Clemens, der der Gesellschaft vor Jahrzehnten den Rücken gekehrt hat und seither mit seinem selbstgewählten Leben auf See radikale Freiheit sucht. Das Filmteam begleitet ihn zwischen Bali, der Banda-See und West-Papua und zeigt dabei nicht nur Abenteuer und Weite, sondern vor allem Härte, Einsamkeit, Improvisation und ein Leben im permanenten Kampf gegen Material, Alter und Wirklichkeit. Zentrale Einschätzung der FILMTALK-Runde war: Der Film ist interessant, diskussionsstark und thematisch ungewöhnlich, aber auch sperrig. Besonders eindrücklich war, wie konsequent der Film die romantische Idee des „Aussteigens“ entzaubert.


Freiheit – und was kostet sie?

Schon in der Einführung wurde deutlich, worum es diesem Film eigentlich geht: nicht um Exotik, nicht um Fernweh, sondern um die Frage, was von einem Leben übrigbleibt, wenn man alles Vertraute hinter sich lässt. Gangerl erscheint zunächst wie die Verkörperung eines alten Traums: raus aus der Enge, raus aus den Zwängen, raus aus einer Gesellschaft, die er als von Hass, Neid und Unfreiheit geprägt erlebt. Auf seinem geliebten Boot, der „Bavaria“, lebt er scheinbar unabhängig, fern von Regeln und Erwartungen.

Im Gespräch zeigte sich jedoch schnell, dass genau dieses Freiheitsbild in der Runde massiv ins Wanken geriet. Mehrere Teilnehmende beschrieben Gangerl nicht als freien, sondern als getriebenen Menschen. Seine Entscheidung wirkte weniger wie ein souveräner Aufbruch als wie eine Flucht: vor Konflikten, vor Zugehörigkeit, vielleicht auch vor Verletzungen. Seine Biografie, sein Verhältnis zur Dorfgemeinschaft und die Erfahrung von Zurückweisung wurden mehrfach als möglicher Hintergrund benannt.

So verschob sich die Wahrnehmung des Films immer stärker: weg von der Frage, ob jemand so leben kann, hin zu der anderen, unbequemeren Frage, warum jemand so leben muss.


Das FILMTALK-Gespräch – Mitleid, Zweifel und Ernüchterung

Mit Souveränität, Wärme und feinem Gespür für die Dynamik der Runde führte Christa Jordan durch den FILMTALK 60plus. Erstaunlich schnell konzentrierte sich die Diskussion nicht mehr auf die Inhalte, sondern auf die innere Widersprüchlichkeit der Figur. Viele Beiträge kreisten um dieselbe Irritation: Gangerl spricht von Freiheit, wirkt aber oft verbittert, hart, angespannt und in keiner Weise innerlich gelöst. Gerade diese Diskrepanz beschäftigte die Runde.

Einige beschrieben ihn als „grantelig“, stur und schwer zugänglich. Andere blickten stärker auf die Verletzlichkeit dahinter. Mehrfach wurde gesagt, man müsse ihn eigentlich „in den Arm nehmen“. Aus dieser Spannung entstand ein zentrales Motiv des Gesprächs: Mitleid ohne Verklärung. Denn je länger der Film lief, desto deutlicher wurde für viele, welchen Preis dieses Leben fordert.

Besonders häufig genannt wurden vier Aspekte: Einsamkeit, Geldsorgen, körperlicher Verschleiß und fehlende Entwicklung. Dass Gangerl auch im hohen Alter noch permanent für seinen Lebensunterhalt sorgen muss, wurde als bedrückend empfunden. Dass sein Boot nicht Freiheit symbolisiert, sondern auch Last, Reparaturzwang und Überlebenskampf, prägte viele Wortmeldungen. Mehrere Stimmen fragten offen, wie dieses Leben überhaupt weitergehen soll.

Auffällig war auch, dass einige Teilnehmende weniger Gangerl selbst als die jungen Filmemacher interessant fanden. Deren ursprüngliche Vorstellung von Abenteuer und Freiheit kollidiert im Film mit einer Realität, die unerquicklich eng und oft unerquicklich langweilig wirkt. Gerade diese Ernüchterung wurde als Stärke des Films gelesen: dass er nicht an einem romantischen Bild festhält, sondern die Komplexität stehen lässt.


Ein Film, der das Bild vom Aussteigen zerlegt

In der FILMTALK-Runde blieb vor allem eines hängen: wie konsequent „Ausgsting.“ mit einem Mythos aufräumt. Gangerl wurde nicht als Held und auch nicht als bloßes Opfer gesehen, sondern als widersprüchlicher Mensch, der sich ein radikal eigenes Leben gebaut hat und daran zugleich sichtbar verschlissen ist. Der Film zeigt nicht die Befreiung von der Gesellschaft, sondern die Ambivalenz eines Lebens, das außerhalb von ihr stattfinden soll. Gerade im Kontrast zu heutigen, oft westlich geprägten Auswanderungsfantasien – etwa wenn Menschen nach Bali ziehen, dort jedoch vor allem ein vertrautes, privilegiertes Leben unter westlichen“ Gleichgesinnten und Tourist*innen weiterführen – wirkt Gangerls Lebensentwurf radikaler und auch authentischer. Es wird keinen ästhetisierten Tapetenwechsel dargestellt, sondern einen Ausstieg, der tatsächlich mit Verzicht, Einsamkeit und Unsicherheit verbunden ist.

Im FilmTALK wurde „Ausgsting.“ daher weniger als inspirierendes Porträt eines Aussteigers verstanden, sondern als Anstoß, über Freiheit, Zugehörigkeit, Alter, Selbstbehauptung und Einsamkeit nachzudenken. In der Abstimmung landete er nicht bei Begeisterung, aber auch nicht bei Ablehnung: Die Bewertung lag insgesamt zwischen 2 und 3 Kameras.

⭐⭐☆☆☆ bis ⭐⭐⭐☆☆ (zwischen 2 und 3 von 5 Kameras)


Deutschland 2025, Dokumentation, 94 Min.

Regie: Julian Wittmann

Mit: Wolfgang „Gangerl“ Clemens

„Ein Paradies muss man sich verdienen.“

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Ein herzlicher Dank gilt allen Gesprächsgästen des FILMTALK 60plus, deren persönliche Erfahrungen, kritische Einschätzungen und Offenheit den Austausch an diesem Nachmittag geprägt und vertieft haben.


🎬 Moderation: Christa Jordan 

🎙️ Organisation: Sabine L. Distler (Curatorium Altern gestalten) & Gäste


📽️ Mehr zu zukünftigen Filmtalks auf:
👉 www.filmbeirat60plus.online


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