Im FILMTALK 60plus wurde François Ozons Film „Wenn der Herbst naht“ diskutiert – ein raffiniert erzähltes Familiendrama, das in einer scheinbar friedlichen Herbstlandschaft beginnt und sich Schritt für Schritt verdunkelt. Michelle lebt allein im Burgund, besucht die Kirche und freut sich auf den Besuch ihrer Tochter Valérie und ihres Enkels Lucas. Für das gemeinsame Essen sammelt sie Pilze. Genau dieses Essen wird zum Wendepunkt: Valérie erleidet eine schwere Vergiftung, gibt ihrer Mutter die Schuld und entzieht ihr den Kontakt zu Lucas, was für Michelle ein kaum erträglicher Verlust ist. Zwischen Michelle und Valérie stehen alte Vorwürfe, Michelles frühere Tätigkeit als Prostituierte, finanzielle Abhängigkeiten, Scham und unausgesprochene Verletzungen. Als wenig später Marie-Claudes Sohn Vincent aus dem Gefängnis entlassen wird, verschiebt sich der Film zunehmend vom Familiendrama in Richtung Thriller. Immer drängender stellt sich die Frage, was Zufall ist, was Schuld – und wer welche Wahrheit verschweigt.
Misstrauen, Moral und offene Fragen
Der Film lässt bewusst vieles offen – und genau darin lag für viele seine Stärke, für andere eher eine Zumutung. Immer wieder wurde betont, wie schwer sich die Figuren eindeutig einordnen lassen. Ist Michelle Opfer? Täterin? Eine liebevolle Großmutter? Eine Frau, die in ihrer Vergangenheit gefangen bleibt? Oder alles zugleich?
Besonders stark beschäftigte die Runde das Verhältnis zwischen Michelle und Valérie. Die Tochter begegnet ihrer Mutter mit Härte, Groll und Abwertung. Zunächst wirkte das auf viele fast überzogen: Warum behandelt sie Michelle so kalt? Im Gespräch wurde jedoch deutlich, dass diese Wut nicht aus dem Nichts kommt. Zwischen beiden liegt eine lange Geschichte aus Scham, Kränkung und Verletzungen, die der Film nur nach und nach freilegt. Gerade diese Ambivalenz wurde intensiv diskutiert. Michelle wird nicht verurteilt, aber auch nicht freigesprochen. Sie bleibt widersprüchlich: warmherzig, verletzlich und undurchsichtig zugleich.
Auch Marie-Claude und ihr Sohn Vincent sorgten für Gesprächsstoff. Mit Vincents Entlassung aus dem Gefängnis kommt neue Unruhe in Michelles Leben. Er hilft ihr im Alltag, wird ihr vertraut, fast familiär nah und bleibt doch schwer einzuschätzen. Als Valérie wenig später tot aufgefunden wird, kippt der Film endgültig in Richtung Thriller. War ihr Tod ein Suizid, ein Unfall oder steckt mehr dahinter? Welche Rolle spielt Vincent? Die Spannung entsteht weniger aus äußeren Ermittlungen als aus moralischer Unsicherheit.
Das FILMTALK-Gespäch – Scham, Schuld und Altersbilder
Schnell ging es nicht mehr nur um die Handlung, sondern um die moralischen Grauzonen des Films. Moderatorin Christa Jordan brachte eine zentrale Frage früh auf den Punkt: „Welche Rolle spielen denn Scham und Schuld in dem Film?“
Valéries Wut, ihre Forderungen und der Kontaktabbruch zu Lucas wirkten auf viele verletzend und schwer auszuhalten. Zugleich blieb die Frage im Raum, wie viel davon berechtigter Schmerz ist und wie viel Verbitterung. Ein Teilnehmer beschrieb, man müsse sich „alles sehr, sehr stark erschließen“ und sei „immer in Unwissenheit“. Genau daraus entstand die Spannung: Was ist wirklich mit Valérie passiert? Welche Rolle spielt Vincent? Und was versteht Lucas? „Der Enkel hat das System, denke ich, durchschaut“, betonte eine Teilnehmerin. Damit rückte auch Lucas stärker in den Fokus: Ist er nur das Kind zwischen den Fronten der Erwachsenen oder versteht er längst mehr, als er sagt?
Diskussionswürdig war auch die Darstellung der beiden älteren Frauen. Michelle und Marie-Claude wurden nicht als harmlose alte Damen gelesen, sondern als Frauen mit Vergangenheit, Überlebenswillen und Handlungsmacht. Eine Stimme aus der Runde formulierte: „Die zwei alten Frauen konnten wesentlich besser für sich sorgen als die Kinder.“ Gerade dass der Film Prostitution, Scham und Alter zusammendenkt, wurde als ungewöhnlich wahrgenommen.
Die Atmosphäre im FILMTALK war entsprechend lebendig und tastend. Einige empfanden den Film als spannend und raffiniert, andere als überladen. Eine Teilnehmerin sagte klar: „Für mich ist zu viel in dem Film.“ Andere schätzten gerade diese Uneindeutigkeit. Am Ende passte die Diskussion zur Form des Films: keine eindeutige Auflösung, sondern viele Lesarten. Christa fasste es treffend zusammen: „Es bleibt offen, der eine so, der andere so.“
Ein „unbequemer“ Film
In der FILMTALK-Runde blieb vor allem hängen: „Wenn der Herbst naht“ ist kein Film, der sich bequem einordnen lässt. Genau darin liegt seine Kraft. Er erzählt nicht einfach von einer netten älteren Frau, der etwas Schreckliches passiert. Er zeigt, dass hinter Michelles freundlicher Fassade ein ganzes Leben voller Geheimnisse liegt. Auch Marie-Claude ist mehr als die robuste Freundin von nebenan, und Vincent mehr als der entlassene Häftling, der im Garten hilft. Der Film zwingt dazu, eigene Vorurteile zu überprüfen: über ältere Frauen, ehemalige Prostituierte, Ex-Häftlinge, Mütter und Töchter. Niemand bleibt eindeutig.
Im Blick aufs Älterwerden traf der Film damit einen wichtigen Punkt: Der „Herbst“ im Titel meint nicht nur die Jahreszeit, sondern auch den Herbst des Lebens. Michelle und Marie-Claude haben viel erlebt, aber der Film enthüllt diese Vergangenheit nur in Andeutungen. Gerade deshalb passt der Herbst so gut zu diesem Film. Er ist schön, aber nicht harmlos. Er steht für Reife, Rückblick und Vergänglichkeit – aber auch für Fäulnis, Gift und das Unberechenbare.
„Wenn der Herbst naht“ wurde als Anstoß wahrgenommen, über Familie, Schuld, Scham und moralische Uneindeutigkeit nachzudenken. Weil der Film keine klare Auflösung anbietet, blieb er in der Runde präsent. Nicht alle fanden ihn überzeugend, aber viele fanden ihn diskussionswürdig. In der Abstimmung erhielt er überwiegend 3 bis 4 von 5 Kameras.
⭐⭐⭐☆☆ bis ⭐⭐⭐⭐☆ (zwischen 3 und 4 von 5 Kameras)
Frankreich 2024, Drama/Thriller, 102 Min.
Regie: François Ozon
Darstellende: Hélène Vincent, Josiane Balasko, Ludivine Sagnier, Pierre Lottin, Ludivine Sagnier u.a.
„Auch im Herbst wächst noch etwas. Wenn auch mit der Schwierigkeit, dass sie entweder köstlich oder gefährlich sein können.“
— François Ozon im Interview mit Indiekino
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Ein herzlicher Dank gilt allen Gesprächsgästen des FILMTALK 60plus, deren persönliche Erfahrungen, kritische Einschätzungen und Offenheit den Austausch an diesem Nachmittag geprägt und vertieft haben.
🎬 Moderation: Christa Jordan
🎙️ Organisation: Sabine L. Distler (Curatorium Altern gestalten) & Gäst*innen
📽️ Mehr zu zukünftigen Filmtalks auf:
👉 www.filmbeirat60plus.online
Warum der FILMTALK 60plus sehenswert ist?
Der FILMTALK 60plus bietet eine einzigartige Gelegenheit, Filme aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und tiefer in die Materie einzutauchen. Die FILM Beiräte60plus liefern durch ihre unterschiedlichen Hintergründe und ihre gemeinsame Leidenschaft für Film eine bereichernde Diskussion, die sowohl informativ als auch unterhaltsam ist. Für alle Filmliebhaber und diejenigen, die tiefer in die Welt des Kinos eintauchen möchten, ist der FILMTALK sehenswert. Er bietet nicht nur eine Analyse eines bedeutenden Films, sondern auch eine Plattform für den Austausch von Gedanken und Ideen, die über den Film hinausgehen.Schalten Sie ein und lassen Sie sich von von uns auf eine filmische Reise mitnehmen, die Ihnen neue Einsichten und ein tieferes Verständnis für die Kunst des Films bietet.





